Erschienen in der Zeitschrift FRIDOLIN (Glarus) Donnerstag, 29. April 2004

Vor dem Kunsthaus Glarus:
Zeitplastiken in Stahl
Der Künstler Heinz Niederer beschreibt seine Plastik, einen doppelten Stahltisch von 6 x 2 x 1,5 Meter (25 Tonnen schwer), wie folgt:


Meine in Glarus präsentierten Arbeiten sind Zeitplastiken oder, anders gesagt, Artefakte aus der gegenwärtig zu Ende gehenden Eisenzeit. Die teilweise tonnenschweren geschmiedeten Stahlfragmente erzählen ihre eigene Entstehungsgeschichte. Dabei machen sie uns ihre Zeitlichkeit und somit auch unsere Vergänglichkeit bewusst.

Zur Blüte der Eisenzeit geboren

Geboren wurde ich zur Blüte der Eisenzeit, als Stahlgewitter über ganz Europa fegten. 
Die Geschichte der technischen Eisenzeit beginnt etwa 150 Jahre vorher. Als nicht mehr von Hand geschmiedet wurde sondern in Walzwerken der Gussstahl zu Profilen und Blechen gewalzt wurde. Damit begann die Moderne mit ihren Stahlbrücken, ihren technischen Wunderwerken wie dem Eiffelturm, Dampfmaschinen oder den Glaspalästen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam die technische Revolution einen erneuten Innovationsschub. Stahl und Eisen übten auf mich eine geradezu magnetische Anziehung aus. Ich lernte den Beruf Maschinenschlosser, experimentierte und organisierte. Ich stand mitten im Entwicklungsgeschehen, mitten in der Eisenzeit. Eigentlich wurde ich fast zwangsläufig Eisenplastiker. 
Die 2000-Tonnen-Presse der Gebrüder Sulzer in Winterthur ermöglichten mir Arbeitstechniken, die sich Michelangelo nur hätte träumen können. Eisen beherrschte mein Leben. 
Doch zur Jahrtausendwende kam auch die künstlerische Wende. Gesellschaftspolitische Geschehnisse hatten meine Welt - und Kunstsicht verändert. 
Zeit, Zeiträume, Abläufe, Prozesse und Momente waren meine neuen, beherrschenden Arbeitsthemen. So wurde ich, der Eisenplastiker, zum Zeitplastiker.

Dem Zerfall ausgesetzt

Oberhalb des Albulapasses errichtete ich eine vier Tonnen schwere Wasserscheidenplastik, im Krater des hawaiischen Vulkans Kilauea intervenierte ich mit plastischen Eingriffen und programmierte die Verwandlung von Graphit in Diamanten. Und in Linz wasserte ich ein Eisschiff in die Donau. In einer langen Reihe. von Zeitplastiken erkundete ich Halbwertszeiten und Belastungsgrenzen verschiedenster Werkstoffe: Eis und Feuer, Luft und Wasser oder KohIenstoff und Glas. Die Entstehung meiner. früheren Stahlarbeiten lag für mich Lichtjahre zurück. Doch irgendwann, Anfang des 21. Jahrhunderts, wurde mir meine Parallele bewusst: Meine Eisenplastiken waren auch Zeitplastiken! Denn Jahrmilliarden lag das Eisenerz brach. Ab einer bestimmten Zeit; etwa um 600 vor unserer Zeitrechnung, wurde es nutzbar gemacht.
Das Erz wird mit Hitze und Kohlenstoff reduziert, gossen und als Eisen (und später auch als Stahl) weiter verarbeitet. Aber kaum erfüllt es seinen Nutzen, setzt schon der Zerfallsprozess ein. Jedes Metall, sogar Gold, wandelt sich zurück in seinen stabilen, oxydierten Grundzustand. Und wir sind Begleiter.