Tages-Anzeiger - Dienstag, 31. Juli 2018

 

Der Jahrhundertsommer wird verewigt
 

Kunstaktion Der Zürcher Künstler Heinz Niederer lässt die Sonne für sich arbeiten.
Er hat sich dafür den idealen Sommer ausgesucht.

Helene Arnet

                
Heinz Niederers Kunstinstallation macht es wie die Sonnenuhr.
Und gleichzeitig ganz anders. Zwar zählt sie die heiteren Stunden nur, doch während bei der Sonnenuhr die Zeit nur  Schatten und damit denkbar flüchtig ist, wird sie bei Niederer verewigt. Entsprechend heisst das Kunstwerk «Mémorateur».
Es wurde 1999 für die Freilichtausstellung in Bex, die unter dem Motto «Mémoires, paysages intérieurs» stand, geschaffen. Jetzt ist es oberhalb des Emma-Kunz- Zentrums in Würenlos zu sehen.
Oder besser: am Arbeiten. Seit Sonnenaufgang heizt die Sonne auf, nachmittags um 15 Uhr ist es weit über dreissig Grad auf der kleinen Anhöhe mit Blick hinunter auf ein Kieswerk, in dem Lastwagen – von hier aus klein wie Spielzeugautos – hin und herrollen und riesige Staubwolken hinter sich herziehen.
Hier steht der «Mémorateur». In einer Wiese, aber auf einem kreisrunden betonierten Platz,  der von den sportlichen Übungen eines vormaligen Steinbruchbesitzers  übrig blieb. 

Hier übte einst Anton Meier senior – ein erfolgreicher Zehnkämpfer – Diskuswerfen.
Sein Sohn, der vor einem Jahr  verstorbene Anton Meier junior, der auf dem Gelände des sogenannten Römersteinbruchs das Emma-Kunz-Zentrum eingerichtet hat, erzählte ihm noch, wie er
einst hier oben, hinkend wegen seiner Kinderlähmung, die Sportgeräte seines Vaters zusammensuchen musste. 

Heinz Niederer mag solche Geschichten, die einen scheinbar unscheinbaren Ort mit etwas auszeichnen, das einmal war.

Rauch und Flammen
Der «Mémorateur» ist für sich allein nicht sofort als Kunstwerk erkennbar. Er ist zwar schön anzuschauen, doch erinnert er eher an ein etwas versponnenes physikalisches Messgerät: In einer
Konstruktion aus Chromstahl mit einem Neigewinkel ist eine Glaskugel angebracht. Sie ist etwas grösser als ein Basketball und mit Wasser gefüllt. Was einem als Erstes in Bann zieht:
Aufgrund der Krümmung steht die Welt in der Kugel kopf. Dann aber entdeckt man eine kleine Rauchwolke, und zwischendurch züngeln Flammen auf. Niederer zückt ein Taschentuch, poliert die Kugel ein bisschen und sagt dann zufrieden. «Er arbeitet.»
Tatsächlich stammen Rauch und Flammen von einem Prozess, der Spuren hinterlässt. Die Kugel dient als Brennglas und bündelt die Sonnenstrahlen so, dass er auf einem 96 Zentimeter langen Kunststoffstreifen eine Linie einbrennt. Wenn die Sonne scheint. 

         «Da entsteht eine Seite meines Sonnentagebuchs», sagt Niederer.
Der «Mémorateur» ist Teil jener Werke von Heinz Niederer, die er unter Zeitplastiken oder «Timeart» zusammenfasst. Während der gelernte Maschinenschlosser mit seinen Stahlplastiken aufzeigt, wie biegsam, ja geschmeidig selbst ein Material wie Eisen sein kann, interessiert ihn hier die Dehnbarkeit der Zeit, in der Sekunden ewig dauern und Jahrmillionen ein Moment sein können.

Augenzwinkernder Ernst 

Diese Kunstwerke entfalten sich gänzlich erst in den Köpfen der Betrachter und verdichten sich dort zu einem intellektuellen Vergnügen und einer philosophischen Betrachtung. Immer mit
Heinz Niederers ureigner Grundhaltung durchsetzt, mit der er die Welt betrachtet: ein augenzwinkernder, tiefer Ernst.
Das ganze bisher geschriebene Sonnentagebuch befindet sich in Niederers Atelier im Alten Steinbruch gleich unterhalb des Emma-Kunz-Zentrums. Dort hängt Streifen neben Streifen,
angefangen am 3. Mai, der letzte vom Vortag. Sie dokumentieren den Jahrhundertsommer.
Viele zeigen fast durchgehende Brandspuren vom Morgen bis am Abend, bei einigen sind es nur ein paar einzelne Striche, zum Beispiel am 3. Juli. Die Tagi-Meteorologen sagten für diesen Tag veränderliches Wetter voraus: Am Morgen «gewittrig durchsetzte Platzregen, danach geht es weiter mit Wolken und sonnigen Abschnitten». Ein Blick auf die Aufzeichnung des «Mémorateur» 
zeigt: stimmt.
Dass er seinen «Mémorateur» ausgerechnet in einem Rekordsommer aufgestellt hat, sei, behauptet Niederer, kein Zufall, sondern ein ihn immer wieder ereilendes Glück. 

Er hat ihn nach der Ausstellung, für die er gedacht war, erst zweimal aufgestellt.
Heuer und 2003 – im Rekordsommer.
Auf einer Seite des Sonnentagebuchs steht «reserviert». Ein Mann will seiner Frau das von der Sonne eingeprägte Bild jenes Tages schenken, an dem diese Schweizerin wurde. Und eben
fragt eine Ausstellungsbesucherin den Künstler, ob sie einen bestimmten Tag im August reservieren könne. An diesem Tag vor einigen Jahren habe sie ihren Mann kennen gelernt.
Möge sie es wie der «Mémorateur» tun und sich nur der heiteren Stunden ihrer Partnerschaft erinnern.

         

 

Fotos: Fabienne Andreoli