Heinrich Oberli
An
Herrn Gerold Huber, St. Gallen
 

 

27. Juni 2002
Sonnenwende auf dem Drumlin

Sehr geehrter Herr Huber
Aus der Freitagausgabe vom 21.6.2002 des SG-Tagblattes habe ich mit Interesse Ihre Ausführungen zu den Empfindungen des Bildhauers Herrn Heinz Niederer auf einem Drumlin nahe dem Schloss Dottenwil verarbeitet.
Ich bin sehr beglückt, dass da ein Heimwehappenzeller aus Zürich daherkommt und im Nahbereich der Stadt St.Gallen prähistorische Vergangenheit empfindet. Selber habe ich mich auch schon recht intensiv mit vorchristlichen Verkehrs-, Siedlungs-, und auch mit Kult-Strukturen zwischen Bodensee und Alpstein befasst. Mit meiner Forschung komme ich zur klaren Erkenntnis, dass unsere voralpine Zone in allen Zeiten seit dem Rückzug der Gletscher der letzten Eiszeit besiedelt, und mindestens seit der Bronzezeit kontinuierlich besiedelt war, und dass wir zum Beispiel in unseren Flurnamen Relikte finden, die in einzelnen Belegen mindestens in die späte Bronzezeit zurückreichen.
Dazu ein kleiner Exkurs zum im Bild wiedergegebenen Büchel, worauf Herr Niederer hinter seiner Chromstahlstele steht.
Nach meiner Forschung, mit der ich einige Dutzend solcher Konstellationen quer durch die Schweiz untersucht habe, waren diese und benachbarte Örtlichkeiten keineswegs in keltischer Zeit kultisch genutzt, sondern zwei Kulturstufen früher, in der späten Bronzezeit! Konkret wurde diese Gegend durch jene Bevölkerung im 12. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung besiedelt, im frühen 11. Jh.v.u.Ztr. gründete sie im Raum Unterrüti ein wohl durch Wall und Palisaden geschütztes Runddorf. Im Laufe des späten 9. vorchristlichen Jahrhunderts sind dieses Dorf und seine Bewohner, wohl durch nachfolgende Völkerschaften der frühen Eisenzeit (Hallstattzeit) zum Verschwinden gebracht worden.
Allen grösseren Ansiedlungen der späten Bronzezeit ist eigen, dass die Bewohner in deren Umfeld einen Umgang von neun Kultplätzen anlegten. Eigen ist diesen Umgängen auch, dass immer die sechste Station grössere Dimensionen annahm. Auf der sechsten Örtlichkeit versammelte sich die Dorfschaft zu ihren Gottesdiensten. Eine der acht Umgangsplätze, hier der vierte, heisst (Hohen)- Büel. Durch sehr viele Quervergleiche komme ich zur Erkenntnis, dass dieses Büel in abgeleiteter Form - anderswo heisst es Ballen-(berg), Bals(thal), s'Palen-(tor), Böl, Bohl, Buol oder Biel etc. - sich ableitet von der bronzezeitlichen Gottheit Baal, die auf einem wohl wichtigen Punkt dieses Umgangs verehrt wurde. Spätere Kulturen wussten wohl nichts mehr von der Bedeutung dieses Baalplatzes und verschleppten die Bezeichnung Büel o.ä. auch auf die nachbarlichen Kultplätze. Das ist hier mit „Roggenbüel" zu beobachten, oder ein ähnliches Phänomen zeichnet sich beim appenzellischen Dorf Bühler ab, wo ebenfalls drei spätbronzezeitliche Kulthügel den Namen Bühl erhielten.
Wenn man die Landkarte aufmerksam studiert, wird man feststellen, dass diese spätbronzezeitliche Siedlung mit dem neunteiligen Kultumgang in dieser Landschaft keineswegs als Unikat dasteht, sondern dass die Abdachung zwischen Bodensee und z.B. St.Gallen schon damals eine recht starke Siedlungsdichte aufwies.
Mit dem aufkeimenden Interesse von Herrn Niederer könnte es doch recht spannend sein, an den Strukturen unserer Vorkulturen gerade vom kulturellen Hort Schloss Dottenwil aus in dieser Stossrichtung weiterzuforschen! Zum Beispiel gibt es in der Stadt St.Gallen selber den Platz 'Bohl', wo die Stadtväter (und -Mütter) anstatt eine saubere archäologische Untersuchung anzuordnen, dem vielgerühmten Architekten Calatrava den Auftrag zum Bau einer Bushalle erteilten. Damit umgingen sie geschickt unbequeme Fragen, die den Bohl ebenfalls mit einem prähistorischen Baal-Verehrungsplatz in Beziehung hätten setzen wollen.
Hiermit sende ich Ihnen meine Aufzeichnungen zu Dorfsiedlung und Kultumgang im Umfeld des Schlosses Dottenwil.
Es würde mit freuen, wenn eine weiterführende Forschung im besagten Raum angegangen werden könnte, und wenn ich in diesem Sinne etwas von Ihnen vernehmen dürfte.


Mit freundlichem Gruss,

Heinrich Oberli


Beilage:
Spätbronzezeitliche Strukturen um Dottenwil.
Kopie an:
Herrn Heinz Niederer, Bildhauer, Zürich.