Tagblatt St.Gallen vom 21.Juni 2002
Sonnwende auf dem Drumlin
Mögliche Hinweise auf keltische Kultstätte im Grenzgebiet St.Gallen - Thurgau
Die Drumlins (keltische Bezeichnung für Moränenschutthügel, die der Rheingletscher Ende der letzten Eiszeit zurückgelassen hatte), haben es dem Zürcher Heinz Niederer angetan: er hat beim Forschen einige Seltsamkeiten entdeckt
GEROLD HUBER
WITTENBACH.
Ab heute Nachmittag, 15.25 Uhr, werden die Tage wieder kürzer: heute haben wir Sommersonnenwende. Am kommenden 22. Dezember, 01.15 Uhr, ist umgekehrt Wintersonnenwende. Jene Dezembernacht ist die längste des Jahres: dann werden die Nächte wieder kürzer.
Der ideale Hügel
Heinz Niederer hat beim Weiler Dottenwil einen Drumlin ausfindig gemacht, der in seiner Ausrichtung auf den Sonnenaufgang zur Sommersonnenwende hingeht (heute; bei Lindau). In der Gegenrichtung zeigt der Drumlin dorthin, wo bei Wintersonnenwende die Sonne untergeht (21. Dezember, Locherhof am Tannenberg). Niederer beschäftigt sich als Plastiker mit der Visualisierung von Zeitstrukturen. In seinem Schaffen «relativiert er die Bedeutung des Menschenalters».
Eichendorff-Gedicht
Wenn einer im ETH-Archiv in Zürich und in anderen Archiven intensiv wühlt, um bezüglich einer Drumlin-Landschaft Zusammenhänge zu finden, stellt sich die Frage nach dem Motiv (Niederer war dazu eingeladen worden, am Skulpturenpark Schloss Dottenwil mitzumachen). «Die Wünschelrute wars», erklärt der Plastiker, «die Wünschelrute, ein Gedicht von Eichendorff: (Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.»» Bei ihm habe hier bei Wittenbach die Wünschelrute ausgeschlagen, sagt Niederer. «Diese Landschaft regt mich an, vielleicht deshalb, weil ich als ursprünglicher Appenzeller auch von den Hügeln bin.» Er habe in die Landschaft hineingehorcht und so die Drumlilis entdeckt, «obschon die Bewohner hier ihre Drumlins längst entdeckt haben.» Nicht von ungefähr habe der Bauer auf dem Büchel einen Birnbaum gepflanzt und daneben ein Aussichtsbänklein gestellt. «Hier oben ist eine Idylle, die stimmt:» Die Sonnenwende, erklärt der 60-Jährige, sei ein konstanter Wert, verglichen mit anderen kosmischen Werten. «Vielleicht waren ja die Hügel hier die Kalender der Bauern.»
Weitere Geheimnisse
Heinz Niederer war überrascht, wie präzis der den Büchel bewirtschaftende Bauer sagen konnte, an welchen Tagen im Jahr die Sonne wo untergeht: «Dieser einem Brotlaib gleichende Hügel hat ganz offensichtlich eine Beziehung zur Sonnenwende - möglicherweise aber auch zu den anderen Drumlins.» Der Zeit-Forscher ist überzeugt, dass sich zum Beispiel im Wittenbacher Sonnenberg oder im Ulrichsberg weitere Geheimnisse verstecken.
Beltene und Samhain
Nochmals kommt Heinz Niederer auf die Bauernkalender zu sprechen, die allesamt auf Beobachtungen aus keltischen Zeiten basierten. «Sie sind der Schlüssel zum Ganzen. Die Alamannen waren ein keltischer Stamm. Sie waren es, die die Gegend hier besiedelten. Von ihnen stammen unsere Bauernkalender-Daten.» Der Jahreswechsel (Samhain, 1. November) und der Sommeranfang (Beltene, 1. Mai) seien für sie die wichtigsten Tage gewesen. Niederer vermutet in der Drumlinlandschaft Überreste alter Kultstätten.
Die D-Linie, ein Phänomen
Verblüffend, was Niederer herausgefunden hat, als er die Hügellinie des Dottenwiler Büchels auf der Karte verlängerte: «Folgen wir dieser imaginären Linie, so erreichen wir nach 20 km Dottenwil bei Flawil. Nach 28 km sind wir in Dottingen. Über den Zugersee, und wir stehen nach 88 km auf dem Dottenberg. Nach dem Entlebuch verläuft die Linie weiter nach Dittlingen bei Thun, durchläuft das Zentrum Genfs und endet im Atlantik auf der äussersten Kanareninsel Hierra (in keltischer Zeit das Ende der damals bekannten Welt). In der Gegenrichtung durchläuft die Linie Schloss Schönbühl bei Lindau, setzt sich fort bis zum Münster in München und nach Moskau. Und jetzt kommts ganz dick: An den wichtigsten keltischen Kulttagen (1.Mat,1.November) geht die Sonne haargenau in den Verlängerungen des Dottenwiler Büchels auf beziehungsweise unter.
Auf der Webseite www.timeart.ch hat Heinz Niederer das Drumlin-Phänomen und -dessen Bezug zur Sonnenwende ausführlich dargestellt Morgen Samstag wird er, anlässlich der Tagblatt-LeserFührungen, im Skulpturenpark Schloss Dottenwil anwesend sein.
Büchelbauer
Landwirt Döli Fecker bewirtschaftet den «Büchel». Was jenen besonders mache, sei die Ruhe, die Abgeschiedenheit und die herrliche Rundsicht. «Schöne Sonnenuntergänge kann man hier erleben», sagt er. «Wenn Du da oben bist, hörst Du von rundum gar nichts mehr.»

Stelen aus geschmiedetem Chromstahl markieren die Sonnenwendlinie auf dem
Drumlin. Heinz Niederer schaut in Richtung des Sonnenaufgangs vom 21. Juni.
Hinter ihm der Tannenberg, wo die Sonne zur Zeit der Wintersonnenwende (am 21.
Dezember) untergeht. . Bild: Gerold Huber