| St.Galler Tagblatt
Regionen | Freitag, 26. Juli 2002
Die Kultplätze um die prähistorische Siedlung bei der Unterrüti
(nach Heinrich Oberli).
Runddorf in der Unterrüti
Heinrich Oberli vermutet zwischen Freidorf/Berg und Wittenbach eine prähistorische Siedlung
«Seit 3200 Jahren ist die Gegend zwischen Bodensee und Alpstein besiedelt», sagt Heinrich
Oberli. Als Beispiel nennt er die Unterrüti.
«Ich bin sehr beglückt, dass da ein Heimwehappenzeller aus Zürich daherkommt und im Nahbereich der Stadt
St. Gallen prähistorische Vergangenheit empfindet.» Der Wattwiler Heinrich Oberli bezieht sich auf Heinz Niederer
(«Sonnenwende auf dem Drumlin», Tagblatt vom 21. Juni). Heinrich Oberli hat sich intensiv mit vorchristlichen Verkehrs-, Siedlungs- und
Kultstrukturen zwischen dem Bodensee und dem Alpstein befasst.
Vorkeltisch
«Mit meiner Forschung komme ich zur klaren Erkenntnis», davon ist der freischaffende Inventarisator
überzeugt, «dass unsere
voralpine Zone in allen Zeiten seit dem Rückzug der Gletscher der letzten Eiszeit besiedelt war - mindestens
seit der Bronzezeit.»
Heinrich Oberli verweist auf den «Büchel» bei Wittenbach, der dem Dottenwiler Schlosshügel vorgelagert
ist: «Nach meiner Forschung,
mit der ich einige Dutzend solcher Konstellationen quer durch die Schweiz untersucht habe, waren diese und
benachbarte Örtlichkeiten keineswegs nur in keltischer Zeit kultisch genutzt, sondern bereits zwei Kulturstufen früher, in
der späteren Bronzezeit.» Das Gelände zwischen Bodensee und Alpstein sei bereits im 12. Jahrhundert vor unserer
Zeitrechnung besiedelt gewesen. Der Wattwiler kommt auf die Region
Arbon-St. Gallen zu sprechen. «Im frühen 11. Jahrhundert vor Christus gründeten Siedler im Raum Unterrüti ein vermutlich durch
Wall und Palisaden geschütztes Runddorf.» Im Laufe des späten 9.
vorchristlichen Jahrhunderts sei dieses Dorf allerdings wieder
verschwunden.
Kultplatz für den Baal
Ein Merkmal aller grösseren Ansiedlungen der späten Bronzezeit sei, betont
Oberli, dass die Bewohner in der Nähe neun Kultplätze anlegten, «wobei die sechste Station jeweils
grössere Dimensionen annahm. Auf der sechsten Örtlichkeit versammelte sich die Dorfschaft zu ihren Gottesdiensten. Einer der
acht Umgangsplätze, in unserem Beispiel der vierte, heisst (Hohen-)
Büel.» Die Stelle befindet sich östlich der Bahnlinie von Roggwil-Berg nach Wittenbach bei Freidorf
(TG). «Durch sehr viele Quervergleiche komme ich zur Erkenntnis», folgert der 55-
Jährige, «dass dieses ‹Büel› in abgeleiteter Form - anderswo heisst
es Ballen(-berg),
Bals(-thal), s'Palen(-tor), Böl, Bohl, Buol oder Biel - sich ableitet von der bronzezeitlichen Gottheit
Baal.» Und Baal sei nahe einer Siedlung wohl auch auf einem wichtigen Punkt
verehrt worden.
Spätere Kulturen hätten vermutlich nichts mehr von der Bedeutung dieses Baalplatzes gewusst: «Sie verschleppten
die Bezeichnung Büel oder ähnliche Flurnamen auf nachbarliche Kultplätze.» Das sei in diesem Zusammenhang mit «Roggenbüel» zu
beobachten.
Ein ähnliches Phänomen zeichne sich auch beim
appenzellischen Dorf Bühler ab. «Dort erhielten ebenfalls drei spätbronzezeitliche Kulthügel den Namen Bühl.»
Und der Bohl in St. Gallen?
«Wenn man die Landkarte aufmerksam studiert», meint Oberli, «wird man feststellen, dass die
spätbronzezeitliche Siedlung in der Unterrüti keineswegs die Einzige ist. Sie
zeigt auf, dass die Abdachung zwischen dem Bodensee und der späteren Stadt St. Gallen schon damals eine recht starke
Siedlungsdichte aufwies.» Zum Beispiel gebe es in St. Gallen den Platz «Bohl», wo die Stadtväter und -mütter (ohne eine
archäologische Untersuchung anzuordnen) dem Architekten Calatrava den Auftrag zum Bau einer Bushalle erteilt hätten. «Damit
haben sie unbequeme Fragen umgangen, die den Bohl mit einem prähistorischen Baal-Verehrungsplatz in
Beziehung hätten setzen können.»
Gerold Huber
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